SKISPRINGEN

Durchgefrorener Ammann um Mitternacht am Limit

Sein höchstwahrscheinlich zweitletztes Olympiaspringen wird Simon Ammann lange in Erinnerung bleiben. Geschlagene zehn Minuten musste er im zweiten Durchgang bei eisiger Kälte auf dem Bakken ausharren, ehe er abstossen durfte.
11.02.2018 | 10:30

Simon Ammann dürfte der erste Skispringer der Geschichte sein, der für einen Sprung zwei Tage brauchte. Kurz vor Mitternacht machte er sich ein erstes Mal zum Finaldurchgang des Springens von der Normalschanze bereit, zehn Minuten später eröffnete er sozusagen den zweiten Wettkampftag der Spiele von Pyeongchang. Es resultierte ein Sprung auf 104,5 Metern und der 11. Platz.

«Das war ein Braveheart-Wettkampf», meinte ein durchgefrorener Simon Ammann am Ende eines Interviewmarathons mit Galgenhumor. «So am Limit habe ich noch nie operiert.» Und das mit 36 Jahren und nach vier Olympiasiegen. Sechsmal wurde er auf den Bakken gerufen und wegen Winden ausserhalb des erlaubten Korridors wieder zurückgerufen und notdürftig mit einer Decke gewärmt. «Ich ­wurde innerlich immer genervter», erzählte der Toggenburger. «Beim zweitletzten Versuch hätte der Sprung kommen müssen, da war ich noch gut bereit.»

Viel Freude nach dem ersten Sprung

Als dann Trainer Ronny Hornschuh schliesslich abgewinkt habe, habe er nicht mehr gewusst, ob sich bei der Kante noch irgendetwas bewege, so kalt sei es gewesen. Kein Wunder, die Temperaturen hatten in der Nacht minus 12 Grad erreicht, mit Wind-Chill-Faktor gefühlte minus 21. Nach der Landung lachte Ammann dennoch. «Unter diesen Bedingungen war es ein sehr anständiger Sprung.» Er hatte nämlich grundsätzlich zwei technisch gute Sprünge gezeigt und vor allem nach dem ersten auch richtiggehend gestrahlt. «Es hatte viel Schönes in den Sprüngen», fand der Ostschweizer. «Ich habe noch nie eine so gute Rotation in den Flug gehabt.» Was noch etwas fehle, sei der Speed, den er nicht ganz in ein Polster umsetzen könne. Auf grossen Schanzen sei dies einfacher zu kaschieren.

Leidtragender des unverständlich späten Wettkampf­beginns um 21.35 Uhr Lokalzeit war nicht nur Ammann, sondern insbesondere die Zuschauer. Waren die Tribünen am Anfang noch gut gefüllt, sahen den Olympiasieg von Andreas Wellinger am Ende nur noch eine Handvoll Hartgesottene und Wetterfeste. Ammann aber freute sich für den Deutschen: «Er war im letzten Winter so oft Zweiter, jetzt mag ich ihm den Sieg gönnen.» Er selber hat am nächsten Samstag die Chance, von der Grossschanze, die ihm besser liegen müsste, noch etwas zu reissen.

Um 20 Minuten nach Mitternacht hatte Wellinger die Gewissheit, dass er vor den Norwegern Johann André Forfang und Robert Johansson gewonnen hatte. Bei kaum berechenbaren Windverhältnissen brachte der Halbzeitleader Stefan Hula aus Polen die klare Führung von umgerechnet 3 Metern nicht ins Ziel. Zu­- vor war auch der Topfavorit ­Kamil Stoch an der Vorlage des Deutschen gescheitert, der mit der Schanzenrekord-Weite von 113,5 Metern von Position 5 aus vorgelegt hatte und sich nicht mehr verdrängen liess. Auch Johansson hatte mit der Schanzenrekord-Weite noch einen Sprung nach vorne gemacht.

Gregor Deschwanden, der zweite Schweizer, kam mit der kleinen Schanze schon im Training nicht zurecht. Immerhin ­erreichte er den Finaldurchgang und klassierte sich als 29. «Wenn man schlecht springt, kommt man auch nicht weit», sagte der Luzerner selbstkritisch.

Marcel Hauck (SDA), Pyeongchang

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