Uri
12.07.2017 11:15

Heute vor 100 Jahren fuhr die erste Bahn durch die Schöllenen

  • Die Schöllenenbahn um 1920
    Die Schöllenenbahn um 1920 | Archivbild BBC
ANDERMATT ⋅ Die Bahn durch die Schöllenenschlucht fährt am 12. Juli seit genau hundert Jahren. Die nur 3,8 Kilometer lange Strecke von Göschenen nach Andermatt hat zwar eine wichtige Zubringerfunktion, hatte aber öfters mit finanziellen Problemen zu kämpfen.

Die Schöllenenbahn (SchB) gehört heute zur Matterhorn Gotthard Bahn (MGBahn), die Zermatt  mit Disentis verbindet. Der Ast nach Göschenen verbindet die MGBahn mit der Gotthardbergstrecke.

Die Strecke sei zwar kurz, habe aber eine grosse Wirkung, erklärt Unternehmensleiter Fernando Lehner. Sie sei ein Einfallstor zur Innerschweiz und ein wichtiger Zubringer für die MGBahn.

Mit einer Steigung von bis zu 179 Promillen weist der Abschnitt Göschenen-Andermatt die grössten Steigung des ganzen 144 Kilometer langen MGBahn-Netzes auf. 67 Prozent der Schöllenenstrecke sind mit Zahnstangen ausgestattet, 57 Prozent verlaufen durch fünf Tunnels und fünf schützende Galerien. Vier Mal fährt die Schmalspurbahn über eine Brücke, darunter die Teufelsbrücke.

Vom Transit abgeschnitten

Die Schöllenenbahn verdankt ihre Existenz dem Gotthardscheiteltunnel. Es hatte Pläne gegeben, die Gotthardbahn via Andermatt zu führen, doch kam man aus finanziellen Gründen davon ab. Mit der Eröffnung des 15 Kilometer langen Tunnels zwischen Göschenen und Airolo 1882 war Andermatt und das Urserental plötzlich von der wichtigen Nord-Süd-Achse abgeschnitten.

Doch mit der Gotthardbahn wurden die Zentralalpen für die Touristen leicht zugänglich. In Andermatt wurden grössere Hotels gebaut und in der Folge erste Ideen für eine Bahn von Göschenen ins Urserental geschmiedet.

Die Planung kam aber nur schleppend voran, wie die MGBahn in ihrer Jubiläumszeitung schreibt. Erst 1904 erteilte der Bund eine Konzession für den Bau einer schmalspurigen Zahnradbahn.

Nun hätten aber erst die Probleme begonnen, schreibt Kurt Seidel in seinem «das grosse Buch der Furka-Oberalp-Bahn». Widerstand geleistet hätten das Militärdepartement, die Natur- und Heimatschützer, die eine Verschandelung der Schöllenen befürchteten, und die Fuhrleute, die um ihre Erwerbsquelle fürchteten.

Krieg verzögerte Bauarbeiten

Die Bauarbeiten starteten erst 1913 - und kamen bald wegen des Ersten Weltkrieges ins Stocken. Standen bis im Sommer 1914 über 600 Arbeiter zur Verfügung, waren es später kaum mehr als 200, weil die italienischen Gastarbeiter eingezogen wurden.

Dass die Bahn doch 1917 betriebsbereit war, wird auf die Unterstützung des Militärs zurückgeführt, das die strategische Bedeutung der Strecke erkannt hatte. Am 11. Juli 1917 fand eine bescheidene Einweihungsfeier statt, am 12. Juli 1917 fuhr der erste Zug.

Der Start der Bahn stand aber unter keinem guten Stern. Wegen der Kostenüberschreitungen brach eine Urner Bank zusammen. Die Gotthardregion war zahlreichen militärischen Einschränkungen unterworfen, sodass die Zahl der Passagiere tief blieb.

Die teuren Schneeräumungen führten dazu, dass die eigentlich nur für den Sommerbetrieb geplante Schöllenenbahn im Dezember 1919 aus finanziellen Gründen ihren Betrieb einstellen musste. Ein gesicherter Ganzjahresbetrieb war erst ab 1925 möglich. Die finanzielle Unterstützung durch den Bund dürfte erneut an den Interessen der Landesverteidigung gelegen haben.

Rettende Fusion

Der Ausbau der Strasse durch die Schöllenen in den 40er-Jahren brachte der Schöllenenbahn einen Rückgang der Passagierzahlen. Die Bahn überlebte nur dank der Fusion mit der Furka-Oberalp-Bahn (FO) 1961. Die Eröffnung des Furka-Basistunnels sorgte ab 1982 wieder für steigende Fahrgastzahlen.

Heute sind jährlich rund 400'000 Personen mit dem Zug zwischen Göschenen und Andermatt unterwegs. Ungetrübt ist die Zukunft der Schöllenenbahn trotz des sich im Aufbau befindenden Resorts in Andermatt nicht, denn seit der Eröffnung des Gotthardbasistunnels ist Göschenen mit der Bahn weniger direkt mit den Zentren im Mittelland verbunden als vorher.

Die Auslastung der Schöllenenbahn habe in letzter Zeit leicht abgenommen, erklärt MGBahn-Unternehmensleiter Lehner. Er erwarte, dass sich dieser Trend fortsetze, wenn keine bessere Anbindung an Göschenen möglich sei.

Zahlen und Fakten zur Schöllenen

Gesamtlänge: 3770 Meter, davon 2509 Meter Zahnstange.
Tunnels: 1022 Meter (Färschen: 56 Meter, Steinle: 79 Meter, Spränggi: 126 Meter, Jostbach: 418 Meter, Brüggwald: 343 Meter).
Galerien: 1110 Meter (Steinle: 518 Meter, Spränggi: 114 Meter, Jostbach: 100 Meter, Urnerloch: 125 Meter, Nasse Kehle: 253 Meter).
Brücken: 260 Meter (Reussbrücke: 100 Meter, Mättelibrücke: 62 Meter, Steinbrücke: 43 Meter, Teufelsbrücke: 55 Meter).
Eröffnung: 12. Juli 1917
Maximale Steigung: 179 Promille
 

Chronologie der wichtigsten Ereignisse:

17.6.1904 Bundesversammlung erteilt Konzession für eine Schöllenenbahn. Architekt: Hürlimann, Brunnen und Rothenbach + Cie., St. Imier
23.5.1913 Beginn Bauarbeiten
4.9.1916 Erste elektrische Probefahrt von Göschenen nach Steinlikehr
11.7.1917 Eröffnungsfeier
12.7.1917 Aufnahme Fahrplanbetrieb
5.10.1923 Bundesversammlung genehmigt Konzessionsänderung für Ganzjahresbetrieb
17.10.1941 Fahrleitung wird mit Einphasen-Wechselstrom gespeist. Ende des Betriebs mit Gleichstrom (1200 Volt).
31.12.1960 Fusion der Schöllenenbahn-Gesellschaft mit der Furka-Oberalp-Bahn
25.06.1982 Eröffnung des Furka-Basistunnels, Direktzüge zwischen Göschenen, Andermatt und Brig
24.08.1987 Grosse Unwetterschäden, Bahnbetrieb eingestellt, Sanierung der gesamten Schöllenen-Bahnstrecke mit Brücken und Schutzgalerien.
2014 Sanierung von Brücken, Mauern und Stützwerken (bis heute)
2016 Baubeginn des neuen Bahnhofs Andermatt

 

sda/rem

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