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LUZERN

Digitalisierung kostet Kantonsspital Zeit und Nerven

Vor wenigen Wochen hat das Luzerner Kantonsspital sein administratives System digitalisiert. Um die Mängel zu beheben, die etwa bei der Medikamentenbestellung vorkommen, legen Angestellte nun Extraschichten ein.
14.02.2018 | 17:42

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch

Der medizinische Stabschef des Luzerner Kantonsspitals, Guido Schüpfer, vergleicht es mit einem Flugsimulator: «Man kann noch so oft üben und verschiedene Situationen testen, in der Realität sieht es dann doch anders aus.» Schüpfer zeichnet dieses Bild für das neue Administrationssystem SAP. Bei dessen Anwendung im Alltag harzt es, besonders bei spitalinternen Medikamente-Bestellungen (Artikel vom 8. Februar).

Mehrere Angestellte haben gegenüber unserer Zeitung solche Mängel geäussert, auch im internen Newsletter ist von Lieferdifferenzen und -rückständen die Rede. Schüpfer sagt dazu: «Wir haben einen neuen Bestellvorgang etabliert, der eine möglichst verbrauchsnahe Materialversorgung zum Ziel hat. Hier zeigen sich noch Schwierigkeiten.» So könne es passieren, dass man vor Erhalt der ersten Bestellung bereits erneut bestellt, und so fälschlicherweise ein zweites Mal Nachschub anfordert. Kein dramatisches Problem, wie der Mediziner sagt. «Überschüssige Lieferungen können retourniert werden.»

Am Puls dieses Problems: die 50 Mitarbeiter der hausinternen Apotheke. «Für sie ist das eine grosse Belastung», sagt Schüpfer. Die Angestellten würden derzeit einige Überstunden leisten, um die Prozesse zu optimieren. Dazu muss man wissen: Die Medikamente müssen als Bestelleinheit einzeln erfasst werden. Bei rund 3800 Medikamenten «eine immense Herausforderung». Über 4500 Medikamente werden täglich von diversen Abteilungen am Standort Luzern bestellt. Pro Tag erreichen knapp 900 Einzelbestellungen die Apotheke. Vor ähnlichen Herausforderungen stehen auch die Apotheken in den Spitälern Sursee und Wolhusen.

Patienten, so versichert Guido Schüpfer, seien von den Schwierigkeiten bei den Bestellprozessen nicht betroffen. «Die Patientensicherheit war und ist zu keinem Zeitpunkt gefährdet.» Er stützt seine Aussage auch auf das Frühwarnsystem Cirs. In diesem können Angestellte kritische Vorfälle melden, welche die Patienten hätten tangieren können. Schüpfer: «Bis Ende der letzten Woche sind bezüglich SAP keine Einträge erfolgt.»

Neues System führt zu Verunsicherung

Das Administrationssystem SAP, entwickelt von einer Firma mit Sitz in Deutschland, hat das Luzerner Kantonsspital zum Jahreswechsel eingeführt. Knapp 11 Millionen Franken hat das gekostet. Seit rund sechs Wochen laufen also Material- und Medikamentenbestellungen sowie die Leistungserfassung und -abrechnung über diese Software. Vorher erfolgten Bestellungen beispielsweise via Zettel, Fax oder E-Mail. Der Digitalisierungsgrad des Gesundheitswesens sei in Europa im Vergleich mit anderen Branchen tief, stellt der medizinische Stabschef klar. Es erstaune demnach kaum, dass mit der Einführung eines völlig neuen Systems auch Verunsicherung entstehe. «Diese Umstellung ist für den gesamten Betrieb ein grosser Schritt.»

Und wie bei jedem neuen System würden sich anfänglich Kinderkrankheiten bemerkbar machen. «Dies war zu erwarten», sagt Schüpfer. Man sei daran, diese so schnell wie möglich zu eliminieren. «Ich verstehe den Ärger der Mitarbeiter, wenn etwas nicht funktioniert, was vorher gut gelaufen ist. Wofür ich weniger Verständnis habe, ist der Umstand, dass die Kritik zuerst via Medien, statt intern, geäussert wird.» Schüpfer weist darauf hin, dass den Mitarbeitern vom Luzerner Kantonsspital einerseits Fachpersonen vor Ort zur Verfügung stehen, andererseits eine eigens installierte Helpline für Anliegen und Fragen punkto SAP existiere.

Der Mediziner ist optimistisch, die neuralgischen Punkte in wenigen Wochen weitgehend behoben zu haben, weist jedoch auch darauf hin, dass «immer wieder Anpassungen nötig sein werden». Man könne das System etwa mit einem Stück Stoff und Schnittmustern vergleichen. «Das Kleid für unser Spital muss zuerst geschneidert werden. Es muss die eigene Organisation abbilden.» Dazu seien unzählige Positionen spezifisch für den eigenen Spitalbetrieb zu erfassen. Vieles habe man vorbereiten können, aber nicht alles. «Letztlich ist eine solche Software nicht im Vornherein bis ins letzte Detail programmierbar.»

Medikamentenverschleiss wird reduziert

Guido Schüpfer hat sich vor der SAP-Einführung weitaus schlimmere Szenarien ausgemalt. «Wenn SAP als Mutter aller Systeme mit den anderen Systemen nicht kompatibel wäre, dann hätten wir ein wirklich grosses Problem.» Konkret: Könnte die Software die Patienten nicht richtig erkennen und zuordnen, wäre es möglich, dass Krankenberichte oder Rechnungen falschen Personen zugewiesen würden. «Die Übergänge dieser Schnittstellen funktionieren bis anhin problemlos», hält der Mediziner fest.

Sind die Kinderkrankheiten ausgeheilt, will das Spital mit SAP Kosten sparen und administrative Prozesse optimieren. Anhand des neuen Bestellmechanismus sollen etwa zu grosse Lagerbestände bei Medikamenten verhindert werden. Das wiederum hat den positiven Effekt, dass weniger Medikamente ablaufen und entsorgt werden müssen.

Um die angestrebte Wirtschaftlichkeit im Vergleich mit der Aviatik auszudrücken, stellt Guido Schüpfer die rhetorische Frage: «Wenn eine Airline mit der gleichen Besatzung und dem gleichen Komfort ein Flugzeug mit 200 oder 100 Passagieren führen kann – für welche Maschine entscheidet sich die Fluggesellschaft?»

Der Digitalisierungsprozess im Spital ist mit der Einführung von SAP nicht abgeschlossen. Im Jahr 2019 soll Epic, eines neues Klinikinformationssystem, das Medfolio ablösen.

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