Wirtschaft
14.09.2017 07:37

Zwischen Markt und Moral

  • Behandlung von an Malaria erkrankten Kindern in Kenia.
    Behandlung von an Malaria erkrankten Kindern in Kenia. | Bild: Karel Prinsloo/AP (Siaya, 30. Oktober 2009)
MALARIA ⋅ Der Kampf gegen Malaria wurde zum Erfolg, weil ihn die Industrie und die öffentliche Hand gemeinsam führten. Nun ist der Fortschritt jedoch in Gefahr.

Daniel Zulauf

 

«Der Kampf gegen Malaria ist eine Erfolgsgeschichte.» Im Urteil von Margaret Chan, Generaldirektion der Weltgesundheitsorganistion WHO in Genf, ist die Entwicklung seit Beginn des Jahrhunderts für das öffentliche Gesundheitswesen beispiellos geblieben. Gut möglich, dass sich die frühere UNO-Diplomatin kurz vor ihrem Ausscheiden im Sommer noch etwas Selbstbeweihräucherung gönnen wollte.

Doch objektiv lässt sich dennoch feststellen, dass die von Mücken übertragene Infektionskrankheit seit der Jahrtausendwende stark zurückgedrängt werden konnte. Jährlich sterben jedoch noch immer um die 400000 Menschen – vorwiegend Kinder – an den Folgen der Ansteckung. Doch das sind 60 Prozent weniger als im Jahr 2000. Parallel zum Rückgang der Mortalitätsrate hat auch die Zahl neuer Fälle stark abgenommen. Nach WHO-Schätzungen sind es rund 200 Millionen Fälle pro Jahr.

Starkes Engagement des Microsoft-Gründers

Das sind selbstredend zu viele. In den tropischen Gebieten Afrikas, wo Malaria am stärksten verbreitet ist, sorgt die Krankheit für unermessliches Leid und hält die Bevölkerung in einem Teufelskreis von gesundheitlicher Not und Armut gefangen. Den Kampf gegen diese Kombination hat sich vor bald 20 Jahren auch die Bill & Melinda Gates Foundation auf die Fahne geschrieben. Bei der Stiftung des Microsoft-Gründers erklärt man in einem gestern erschienenen Bericht den Grund für ihren Einsatz: «Armut und Krankheit in armen Ländern sind die stärksten Beispiele, die wir für lösbare menschliche Not kennen. Es ist eine unbestrittene Tatsache, dass diese Not lösbar ist. Es steht in unserer Macht, zu entscheiden, wie viel davon wirklich gelöst wird. Wir müssen ehrgeizig sein.»

Das Paar mit dem Milliardenvermögen unterstützt auch die Erforschung neuer Medikamente gegen Malaria. Einen Teil der Mittel fliesst über die Partnerschaftsorganisation Medicines for Malaria Venture (MMV) an Novartis. Die Forscher des Konzerns ar­beiten mit Hochdruck an einem neuen Malaria-Medikament, das auch die gegen herkömmliche Medikamente zunehmend resistenten Parasiten beseitigen kann. Christian Lengeler vom Schweizerischen Tropen- und Public- Health-Institut in Basel spricht von einem «ernsthaften Problem», das aber noch keine unkontrollierten Ausmasse angenommen habe. Behandlungs­resistente Parasiten tauchten bislang vor allem entlang des Mekong-Flusses in Südostasien auf. 90 Prozent der Malaria-Fälle konzentrieren sich aber auf Afrika.

Erreger ist extrem wandlungsfähig

Erste klinische Versuche für den neuen Wirkstoff mit dem Arbeitstitel KAF 156 sind angelaufen. Aber der Entwicklungsprozess dürfte – bei offenem Resultat – noch mindestens drei Jahre in Anspruch nehmen. «Es ist ein Rennen gegen die Uhr, zumal die Verbreitung auch so langsam wieder zuzunehmen scheint», sagt Lengeler. Der extrem wandlungsfähige Erreger hat sich in den vergangen Jahren immer besser auf Insektizide eingestellt. Fortschritte in der Entwicklung eines neuen Medikamentes sind deshalb zeitkritisch. Umso mehr, als Versuche mit einem neuen Impfstoff bislang nur enttäuschende Ergebnisse hervorgebracht haben.

Novartis hat im Kampf gegen Malaria schon seit langer Zeit die Nase vorn. Ein seit 2001 unter dem Namen Coartem angebotenes Kombinationspräparat gilt bis heute als wirkungsvollste Waffe. 800 Millionen Tabletten wurden davon bereits an Kranke abgegeben. Kein anderes Novartis-Medikament kommt in puncto Volumen an die Malaria-Pille heran. Doch diese wird in den Ländern, wo die Epidemie grassiert, zum Selbstkostenpreis abgegeben. 70 Rappen beträgt der Preis für die Behandlung eines erwachsenen Patienten mit 24 Tabletten. In der Schweiz kostet dies 50 Franken.

Zusammenarbeit könnte Schule machen

Dieser Erfolg ist das Ergebnis einer Kooperation zwischen Industrie und öffentlicher Hand, wie sie 1999 erfunden werden musste, damit die humanitären Projekte im Gesundheitswesen nicht am Shareholder-Value-Denken der Pharmaindustrie zugrunde gehen. MMV ist das Ergebnis einer solchen Kooperation. Fast eine Milliarde Dollar hat die aus 400 Partnern aus 50 Ländern bestehende Organisation seit ihrer Gründung eingesammelt, um die Entwicklung humanitär wichtiger, kommerziell aber uninteressanter Forschungsprojekte sicherzustellen.

Das Modell könnte Schule machen, hofft Lengeler, der auch als Präsident des öffentlich-rechtlichen und privaten Netzwerks Swiss Malaria Group fungiert. Er verweist auf aktuelle Anstrengungen, die Pharmaindustrie bei der Entwicklung neuer Antibiotika wieder ins Boot zu holen. Solche Bemühungen könnten auch vor dem politischen Hintergrund wichtiger werden. In den USA debattiert der Kongress über die Pläne von Präsident Donald Trump zur Kosteneinsparung bei der humanitären Hilfe, und auch der Bundesrat kürzte im August das Budget der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit mit der Folge, dass weniger Geld für die Bekämpfung von Malaria zur Verfügung steht.

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