Schweiz
13.09.2017 05:00

Suizidversuch mit Auto: Lebensmüder überlebt, Familienvater stirbt

  • Dieser verhängnisvolle Unfall im Wallis war ein Suizidversuch.
    Dieser verhängnisvolle Unfall im Wallis war ein Suizidversuch. | Bild: PD (Münster, 9. August 2015)
WALLIS ⋅ Ein lebensmüder Franzose fährt im Kanton Wallis absichtlich frontal in ein entgegenkommendes Auto. Der zweifache Familienvater stirbt, der Unfallverursacher überlebt. Jetzt ist er wegen vorsätzlicher Tötung angeklagt.

Kari Kälin

Ein tragischer Unfall zwar, aber keine aussergewöhnliche Geschichte: So liest sich die Meldung der Walliser Kantonspolizei über den Vorfall am 9. August 2015 in Münster im Goms. Aus noch nicht geklärten Gründen sei es an diesem Abend zu einer Frontalkollision gekommen. Ein 36-jährige Walliser verstarb noch auf der Unfallstelle. Der zweite beteiligte Automobilist, ein 31-jähriger Franzose, erlitt mehrere Beckenbrüche. Die genauere Unfallursache, so die Polizei, werde nun abgeklärt.

Zwei Jahre erscheint die Frontalkollision in einem anderen Licht: Die Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis hat vor wenigen Tagen Anklage gegen den Franzosen erhoben. Er wird sich beim Kreisgericht Oberwallis wegen vorsätzlicher Tötung sowie qualifiziert grobe Verletzung von Verkehrsregeln verantworten müssen. Sollte das Gericht im Hauptanklagepunkt nicht der Staatsanwalt folgen, so kommen für diese auch fahrlässige Tötung oder schwere Körperverletzung in Betracht. Bei einer Verurteilung wegen vorsätzlicher Tötung droht ihm eine Haftstrafe von mindestens fünf Jahren.

Langjähriger Drogenmissbrauch

Der Beschuldigte befindet sich zurzeit in Sicherheitshaft in einem Gefängnis in Sitten. Das Bundesgericht musste sich zuvor mit der Frage befassen, ob die Verlängerung der Untersuchungshaft bis zum 1. September zulässig war. Es bejahte die Frage. Ein Blick in ein Urteil der Richter in Lausanne vom 24. August offenbart eine bis jetzt unbekannte Tragik des Falls. Der Franzose wollte nämlich sich selber umbringen. Dies sagte er bei der ersten Befragung am Tag nach dem Unfall. Kurz vor dem Aufprall erwägte er noch, in einen Baum zu krachen. Erst Sekunden vor dem Zusammenstoss entschied er sich, auf einer langen Gerade in hohem Tempo in ein anderes Auto zu fahren. Beim Frontalcrash kam jedoch nicht der Franzose, ein langjähriger Drogenkonsument mit psychischen Störungen und Depressionen, ums Leben, sondern der 36-jährige zweifache Familienvater aus dem Kanton Wallis.

In der Schweiz begehen laut einem Bericht des Bundesrats jährlich rund 1000 Personen Suizid. Die Methode Verkehrsunfall ist allerdings sehr selten. Gemäss einer Studie von Rechtsmedizinerin Saskia Gauthier und anderen Autoren nahmen sich in den Jahren 2000 bis 2010 53 Personen durch absichtlich herbeigeführte Unfälle das Leben. Das entspricht einem Prozent der untersuchten Suizide. Meistens steuerten die Suizidwilligen ihre Fahrzeuge in andere Personenwagen oder Lastwagen. Dabei rissen sie sechs Personen mit in den Tod.

Zurück zum Unfall in Münster. Das Kreisgericht Oberwallis wird sich unter anderem mit der Frage befassen müssen, ob der Franzose zum Tatzeitpunkt überhaupt schuldfähig war. Ein psychiatrisches Gutachten attestiert ihm fehlende Schuldfähigkeit. Hauptverantwortlich für den Unfall macht der Franzose deshalb psychotische Störungen als Folge einer schweren Depression. Ein Freispruch wegen fehlenden Verschuldens erscheine ihm zwingend. Der Franzose führt auch ins Feld, das Unfallopfer habe die Sicherheitsgurte nicht getragen. Hätte es dies getan, wären in den Augen des Unfallverursachers nur leichtere Verletzungen zu erwarten gewesen.

Das Bundesgericht liess diese Argumentation nicht gelten. «Wer sein Fahrzeug mit relativ hoher Geschwindigkeit frontal in einen entgegenkommenden Personenwagen lenkt, muss nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge durchaus damit rechnen, dass Fahrzeuginsassen sterben könnten, und zwar egal, ob diese Sicherheitsgurten tragen oder nicht», schreiben die Richter in Lausanne. Sie kamen zum Schluss, dass das Gericht möglicherweise auch dann eine stationäre Massnahme, konkret eine längere psychotherapeutische Therapie, anordnen könnte, wenn es den Franzosen als schuldunfähig einstufe.

Laut den bisherigen Untersuchungen stand der Franzose beim Unfall unter Cannabis- und Alkoholeinfluss. Laut psychiatrischem Gutachten konsumierte er seit seinem 15. Lebensjahr regelmässig Cannabis, Alkohol, Amphetamine und Kokain. Bisweilen rauchte er bis zu 20 Joints am Tag. Der chronische Drogenkonsument wurde im Juni 2015 aus einer Entzugsklinik in Frankreich entlassen und reiste darauf zu seinen Eltern in Spanien. Dort brachte ihn sein Vater wegen seines schlechten Zustandes gleich wieder in ein Krankenhaus. Anfang August fuhr der Franzose in die Schweiz – und entschied, sich das Leben zu nehmen.

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