Panorama
09.09.2017 20:52

Wiedererwachter Modestoff: Strapazieren und provozieren

  • Von links: Modelle von Mulberry, Marc Jacobs, Lemaire, Paul & Joe, Kenzo, Prada, nochmals Prada, Cristiano Burani und Nina Ricci.
    Von links: Modelle von Mulberry, Marc Jacobs, Lemaire, Paul & Joe, Kenzo, Prada, nochmals Prada, Cristiano Burani und Nina Ricci. | Bilder: PD
CORD ⋅ Lange galt er als altbacken. Doch Cord, einst Stoff der Arbeiterklasse und Liebling der 70er-Jahre, ist wieder da. Stylischer denn je zuvor.

Yvonne Forster

Oh je! Cord ist zurück. Muss das sein? Es ist doch noch gar nicht lange her, seit unsere Ehemänner und Arbeitskollegen die Cordhose und den Cordblazer zum Dauerbrenner machten. Zu jedem erdenklichen Anlass erschienen sie im samtig-soliden Stoff, mal in Bordeaux, mal in Beige, Schwarz oder Olive. Die Männer waren stets korrekt angezogen und konnten vom Büro direkt an die ­After-Party oder ins Theater gehen. Der einzige Makel: Bügelfalten, wenn es sie überhaupt gab, waren schon nach fünf Minuten verschwunden.

Und heute? Cord musste diesen Herbst/Winter einfach wieder kommen. Schliesslich ist der 70er-Jahre-Trend zurzeit so aktuell, dass es der gerippte Stoff wieder auf die Laufstege schaffen musste. Die Siebziger waren die Jahre der Schlaghosen, der Blumenmuster und des Cords. Letzterer wurde von Hippies und Disco Queens regelrecht vergöttert. Es dauerte nicht lange, bis Cord jeden Haushalt beherrschte. Vom Erstklässler bis zum Opa, vom Prokuristen zum Geschichtslehrer, alle trugen Cord. Wer ins Ski-Wochenende fuhr, packte zu Manchesterhose und -blazer ein kariertes Hemd ein. Das passte in die Berghütte und ins elegante Hotelstübli.

Ursprünglich Stoff der Oberschicht

Zu Beginn seiner Karriere vor rund 400 Jahren gehörte Cord zum Kleidungsstil der Oberschicht. Der ursprüngliche Name «corde du roi» (auf Englisch «Cord of the King» oder «Corduroy») stammt ursprünglich aus Frankreich. Ab dem 16. Jahrhundert wurde er in England aus Wolle und Baumwolle produziert. Im 17. und 18. Jahrhundert liebte die französische und englische Aristokratie das samtig gestreifte Gewebe. Weil es so widerstandsfähig war, zogen es die Noblen mit Vorliebe zur Jagd an.

Erst Ende des 18. Jahrhunderts gelang es Webern im englischen Manchester, den Stoff in grossen Mengen auf ihren Webstühlen herzustellen. Bald wurde das strapazierfähige Material zum billigen Massenprodukt für die Arbeiterschicht degradiert. Dieses Arbeiter-Image kam den Intellektuellen der 68er-Jahre wie gerufen. Mit Cord-Kleidern konnten sie sich vom noblen Establishment distanzieren.

Seine Robustheit verdankt Cord, der zur Gruppe der Samtstoffe gehört, seinem dicken Florteil, der die Verbindungsstellen zwischen den Schuss- und Kettfäden schützt. Beim Cordsamt bildet der Schussfaden den Flor und erzielt damit die Streifenwirkung.

Plötzlich wurde es ruhig um den Schnürlisamt, wie Cord bei uns auch genannt wird. Vor allem in modischen Kreisen hatte er nichts Neues mehr zu bieten und geriet in Vergessenheit. Doch genau das ist es, wonach sich Designer wie Prada heute sehnen: «Die Welt ist kompliziert genug. Warum soll es die Mode den Menschen unnötig schwer machen», sagt Miuccia Prada und zeigte in ihrer Herrenkollektion für den Winter 2017/18 einfach geschnittene Cordhosen und ­Lederjacken in unterschiedlichen Rost- und Beigetönen. Für die Frauen entwarf die Designerin fast banal wirkende knielange Manchesterjupes und schlichte Blazer. Doch damit möchte sie dem Ursprünglichen wieder Gewicht verleihen und dafür die Accessoires in den Mittelpunkt rücken. Und diese sind bei Prada fast wichtiger als die Kleider selbst.

Ganz anders der Gucci-Kreateur Alessandro Michele: Für ihn ist die Punk-Subkultur aus Great Britain der 70er-Jahre die Inspirationsquelle für das Comeback der Cord-Mode. Er experimentiert mit Wasch- und Batikeffekten an knallroten Hosen zu engen Strickpullis. Auch bei Gucci sind ausgefallene Accessoires ein zentrales Mittel, um die 70er-Jahre-Mode neu zu definieren.

Generell wird in diesem Herbst eher robust mit Cord hantiert: Sowohl Paul & Joe’s gegürteter Cord-Anzug in Basilikumgrün als auch der klobige Männerkittel des französischen Labels Lemaire sind für eiskalte Wintertage gedacht. Auch in Kenzos dunkelblauem Doppelreiheranzug wird keine Frau frieren müssen. Schmeichelnd elegant wirken dagegen Nina Riccis beiger Trenchmantel zum gleichfarbigen Lederkleid und Cristiano Buranis Latzhose aus breit geripptem Cord.

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