Kultur
26.08.2017 09:16

Monumentalität und Zerbrechlichkeit

  • Étienne Krähenbühls Skulpturen wirken trotz des schweren Materials leicht und geschmeidig.
    Étienne Krähenbühls Skulpturen wirken trotz des schweren Materials leicht und geschmeidig. | Bild: Werner Schelbert (Zug, 24. August 2017)
ZUG ⋅ Der Waadtländer Skulptur-Künstler Étienne Krähenbühl erweist sich als Mensch so vielschichtig wie seine Kunst – und verfolgt dennoch klar und gradlinig sein eigenes Konzept. Seine Werke sind derzeit in der Galerie Urs Reichlin zu sehen.

Haymo Empl

redaktion@zugerzeitung.ch

In Stanley Kubricks legendärem Film «2001: Odyssee im Weltraum» steht in der ersten Filmszene ein grosser, schwarzer Monolith. Ebenfalls in der Szene: Affen, welche nach dem Kontakt mit dem Monolithen plötzlich neue Fähigkeiten besitzen.

In der Galerie Urs Reichlin in Zug war an der Eröffnung der neuen Ausstellungssaison am Donnerstag unter dem Motto «Galerie in Motion» ebenfalls eine Art Monolith zu sehen. Im Gegensatz zur Filmversion war dieser aber vielschichtiger, spannender, raffinierter und stammt vom Schweizer Künstler Étienne Krähenbühl. Genauso aber könnten auch die Installationen des Künstlers aus einer anderen Welt stammen: Sie heissen «Big Bang», «Supras» oder «Flowers Of Evil». Krähenbühl arbeitet unter anderem mit Cortenstahl; das Metall mit seiner rauen Fläche erhält durch gezielte Verrostung der obersten Schicht eine orangerote Oberfläche, die durch den natürlichen Prozess der Korrosion und je nach Lichteinfall ganz unterschiedliche Orange-Braun-Schattierungen annehmen kann.

Metall mit Leichtigkeit und Eleganz

Schwere Plastiken aus noch schwererem Metall, mit Rost überzogene Metalloberflächen, verwitterte Holzstrukturen und feine Metalldrähte erhalten unter den Händen des Künstlers und durch die Verwendung diverser Legierungstechniken Leichtigkeit und Eleganz. Egal, ob klein oder monumental: Allen Skulpturen und Installationen verleiht Krähenbühl Dynamik und Spiel. Die Bewegung wiederum löst in vielen Fällen Klang aus, durch den Fluss werden bei manchen Skulpturen Töne erzeugt. Als Ganzes bekommt so das schwere Material eine Leichtigkeit, und die Skulpturen verlieren an Härte und Kälte. Eine Tatsache, welche auch Galerist Urs Reichlin fasziniert. «Die Bewegungen, die bei den Skulpturen in vielen Fällen eines der zentralen Themen sind, sind nicht einfach ruckhaft, sondern fliessend und sehr fein. In Kombination mit den verwendeten Materialien entsteht so etwas Einzigartiges und sehr Faszinierendes». Krähenbühls Werke leben von den Eigenschaften der verwendeten Materialien, die ganz anders wahrgenommen werden, wenn diese in Bewegung sind. «Entsprechend soll und darf man hier in der Galerie alle seine Werke in Schwingung versetzen», so Urs Reichlin weiter, und er stupst die «Pyramide aux 11 Lames Mobiles» an, welche sofort beginnt, die statische und altbekannte Form zu verlieren.

Die Werke des Künstlers sind gefragt, im In- und Ausland. Entsprechend schwierig war es für Urs Reichlin, diese Ausstellung in seiner Galerie zu planen. «Ich bin seit Jahren begeistert von Étienne Krähenbühls Schaffen. Es dauerte letztendlich fast vier Jahre, bis ich die Ausstellung realisieren konnte.» Étienne Krähenbühl entspricht so gar nicht dem Klischee eines Künstlers. An der Vernissage selbst war er anwesend und schien einfach Freude zu haben, dass sich die zahlreichen Besucher ebenfalls freuten. Krähenbühl wirkte so geerdet, wie es seine Skulpturen sind. Und im kurzen Gespräch zeigte er auch, dass er als Mensch mindestens so vielschichtig ist wie seine Kunst. Der Künstler wurde 1953 in Vevey geboren und arbeitet seit 1968 mit Eisen, Stahl, Inox, Bronze und anderen Metallen. Seit Jahrzehnten verfolgt er gradlinig und klar sein eigenes Konzept. Ob er mit seinen Skulpturen einst «den grossen Durchbruch» schaffen würde, hat ihn nie gekümmert. Er ist seiner Linie und seiner Idee treu geblieben – das hat sich nun ausgezahlt.

Gallery in Motion

Die Eröffnung lief unter «Étienne Krähenbühl AND ...». Entsprechend standen am Donnerstag nicht nur die sich «wandelnden» Skulpturen des international renommierten Künstlers im Vordergrund, sondern unter anderem auch Werke von Urs Holzgang. Der Künstler aus Küssnacht am Rigi arbeitet unter anderem mit Farb- und Bleistift auf Transparenzpapier, und daher haben seine Bilder keine eigentliche Vorderseite. Was das bedeutet, demonstrierte Urs Holzgang einer interessierten Besucherin vor Ort gerade selbst: Je nachdem, wie die entsprechend gehängte Zeichnung gestellt wird, wirkt sie komplett anders. Bei dieser spontanen Aktion wurde dann auch definitiv klar, warum Galerist Urs Reichlin das Ausstellungsmotto «Gallery in Motion» wählte.

Der eingangs erwähnte Vergleich mit dem Monolithen ist übrigens gar nicht so weit hergeholt: 2015 hatte Étienne Krähenbühl an der Skulpturen-Biennale im Winterthurer Weiertal den Sturz eines mächtigen Meteoriten auf ein Auto inszeniert. «Désolé» nannte der Künstler damals das Werk und spielte auf die Unendlichkeit des Raumes an. Dass nach dem Kontakt mit des Künstlers Werken an der Ausstellung ebenfalls neue Fähigkeiten wachsen, ist wenig wahrscheinlich. Zu einer Erweiterung des eigenen Horizontes wird es aber ziemlich sicher kommen.

Hinweis

Ausstellung bis 11. November. Heute Samstag ist der Künstler Étienne Krähenbühl von 10.15 bis 16.15 Uhr erneut in der Galerie Urs Reichlin, Baarerstrasse 133 in Zug, anwesend.

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