Kultur
14.09.2017 07:47

Liebessturm in Husum

  • Kurz nach der Heirat brach der Liebessturm über ihn los: Theodor Storm (1817–1888).
    Kurz nach der Heirat brach der Liebessturm über ihn los: Theodor Storm (1817–1888). | Bild: Getty
  • Ihr gehört die Hälfte seiner Poesie: Dorothea Jensen (1828-1903).
    Ihr gehört die Hälfte seiner Poesie: Dorothea Jensen (1828-1903). | Bild: PD
LITERATUR ⋅ Zu Theodor Storms 200. Geburtstag ist eine Romanbiografie über die Liebe seines Lebens herausgekommen. «Sturm und Stille» ist eine faktennahe Fiktion aus der Perspektive der Geliebten.

Heiko Strech

«Ich bin eine stark sinnliche, leidenschaftliche Natur», bekannte Theodor Storm einmal. In Husum/Schleswig-Holstein, seiner «Grauen Stadt am Meer», kam er am 14. September 1817 zur Welt. Starke Sinnlichkeit machte dem Mann später schwer zu schaffen. 1846 heiratete er eher unsinnlich Constanze Esmarch, die ihm immerhin sieben Kinder gebar. Der angesehene Lyriker begründete mit der Novelle «Immensee» (1849) seinen Ruhm. Kurz nach der Eheschliessung brach 1847 der Liebessturm los über Storm – nomen est omen. Die heftig erwiderte, lichterlohe Leidenschaft galt Dorothea Jensen. 1848 musste sie Husum verlassen. Eine ménage a trois konnte sich der verheiratete Jurist in der Kleinstadt nicht leisten.

Das Innenleben der Geliebten

Zum 200. Geburtstag Storms bringt der Holsteiner Jochen Missfeldt nun eine Romanbiografie über Dorothea Jensen heraus, «Sturm und Stille». 2013 erschien seine beachtliche Storm-Biografie «Du graue Stadt am Meer. Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert». Im neuen Buch hält der Autor sich weitgehend an die Fakten, lässt Dorothea aber in der Ich-Form über ihr Innenleben sprechen. Das ist Missfeldt voll gelungen. Immerhin bedankt er sich bei seiner Lektorin «für den Lotsendienst durch die Welten weiblichen Fühlens, Denkens und Redens». Den Erzählstil hält Missfeldt kunstvoll leicht archaisierend. Raffiniert die nicht extra ausgewiesenen verdeckten oder offenen Zitate aus Storms Werken. Man höre den Storm-Sound: «Ich nahm ihn also auf in meinen Schoss, als wäre es das Selbstverständlichste und Natürlichste von der Welt, während der Mann im Mond die schön heidnische Frau Venus auferstehen liess, um unsere Herzen zu verwirren.»

Missfeldts fiktives Selbstporträt Dorotheas zeigt eine starke Frau, soweit sie sich im Korsett der bürgerlichen Gesellschaft entfalten konnte. In verschiedenen Familien arbeitete sie als Haushälterin – in der «Stille» nach dem «Sturm» mit Storm. Land und Leute auf Dorotheas Lebensweg in seiner Heimat schildert Missfeldt kennerisch und liebevoll.

Das Zerstörerische einer verklärten Liebe

In Dorothea und Theodor glühte es weiter. Nach Constanzes Tod 1865 heiratete der Dichter bereits 1866 Dorothea, die Liebe seines Lebens. Missfeldt lässt sein Buch mit dem Spätglück ausklingen. In Wirklichkeit herrschte oft mehr Sturm als Stille. Storm konnte sich lange nicht von der Erinnerung an Constanze losreissen. Auch mit den Kindern harzte es. Und sie sollten «Tante» zu Dorothea sagen statt «Mutter» – befahl Storm. In der Novelle «Viola tricolor» (=Stiefmütterchen) von 1874 greift der Dichter eigenen Lebensstoff auf, wie so oft. Der Gelehrte Rudolf heiratet nach dem Tod seiner ersten Frau Marie in zweiter Ehe Ines, eine schöne junge Frau – während Storm einmal kühl Dorothea «eine verblühte Blondine» nannte. Rudolf treibt einen bizarren Totenkult. Seine kleine Tochter folgt ihm darin. Leitsymbol der Novelle ist ein verwilderter Garten, den Rudolf einst mit Marie aufgesucht hatte. Er verweigert Ines lange den Zutritt in diesen «Garten der Vergangenheit». «Das ist Untreue, Rudolf, mit einem Schatten brichst du mir die Ehe», klagt Ines. Von Storms Hang zur Melodramatik abgesehen – tief hat er sich in die Seele einer Frau eingefühlt. Weibliche Sicht beherrscht diese stürmisch bewegte Novelle. Sie spricht ein zeitloses Thema an: Wie massiv eine verklärte Liebe der Vergangenheit eine gegenwärtige gefährden, ja vernichten kann. In Theodors Leben und Rudolfs Novellenexistenz wandelt die Geburt einer Tochter der zweiten Frau die Verwirrung der Gefühle endlich in Eheglück. So hält «die fröhliche Zukunft des Hauses Einzug in den Garten der Vergangenheit.»

Frauen berühmter Künstler stehen oft in deren Schatten. Doch ist ihr Einfluss auf das Werk nicht zu unterschätzen. Man denke nur schon an die Gestaltung der Liebe darin. Jochen Missfeldt hat Dorothea Jensen Storm aus dem Schatten ihres Mannes geholt – die Frau, mit der Storm «die erschütterndste Leidenschaft» erfahren hat und der «die Hälfte meiner Poesie» gehört. Theodor starb 1888, Dorothea 1903.

Jochen Missfeldt: Sturm und Stille, Rowohlt, 343 S., Fr. 29.– Jochen Missfeldt: Du graue Stadt am Meer. Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert, Hanser, 496 S., Fr. 42.–

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