Kultur
13.09.2017 08:05

Luzerner Kleintheater ist gross in Kleinkunst

  • Seit 50 Jahren bildet das Kleintheater Luzern eine markante Fassade am Bundesplatz. Noch herrscht die Ruhe vor dem Sturm. Aber schon heute Abend geht’s los mit der neuen Saison.
    Seit 50 Jahren bildet das Kleintheater Luzern eine markante Fassade am Bundesplatz. | Bild: Pius Amrein (8. September 2017)
JUBILÄUM ⋅ 1967 war das Luzerner Kleintheater die erste Alternativbühne zum Stadttheater. 50 Jahre später ist man nicht mehr allein in der Theaterszene. Die konsequent gehaltene Programmlinie zwischen Mainstream und Experiment hat Erfolg.

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

«Not macht erfinderisch.» Mit diesem Spruch dreht man Kulturschaffenden gerne mal zynisch den Geldhahn ab. Aber unbestritten ist, dass am Anfang vieler kultureller Leuchttürme der Ideenreichtum ihrer Erschaffer die Knappheit der Mittel überflügelt hat. Das war in den späten 1950er- und 1960er-Jahren so, als sich in der Schweiz in ungenutzten modrigen Kellern verwaister Altstadthäuser alternative, nicht subventionierte Bühnen formierten – als Gegenkultur zu den Raum einnehmenden, aber nicht für viel Abseitiges und Schräges Raum lassenden Stadttheatern.

Heute sind diese einst so wilden Bühnen um die fünfzig oder älter. Und dem Alter entsprechend auch etwas gesetzter geworden ist ihre Programmierung im Vergleich zu manchem Off-Space von heute. Der Zuger Burgbachkeller lädt nächstes Jahr zum Fünfzigsten. Das Basler Theater Fauteuil, eine Wiege der in ihrer Dichte weltweit ohne Beispiel dastehenden Schweizer Kleinkunstszene, wird 60. Und das Luzerner Kleintheater, das Emil Steinberger 1967 nach Basler Vorbild gründete, feiert heuer seinen 50.

Dass das rund 200 Zuschauer fassende Haus die fünfzig Jahre ohne skandalöses Gerangel an der Leitungsspitze und trotz mehrerer finanzieller Schieflagen skandalfrei überstanden hat, liegt am von Anfang an starken Zuspruch der Luzerner Bevölkerung. Emil Steinberger hatte mit seinen in private Haushalte verschickten Spendenaufrufen früh seinen Charme spielen lassen. Auch nach seinem Leitungsrücktritt 1976 hat er das Haus immer wieder mit Gastspielen aus der finanziellen Patsche geholfen.

Emil als Türöffner

Emil hatte früh erkannt, dass die Location am Bundesplatz, die damals Tele-Café hiess und den Besuchern TV-Sendungen vorsetzte, mit dem Einzug des Fernsehers in die Wohnzimmerstube ein Auslaufmodell war. Noch heute profitiert das 2005 renovierte Theater davon, in keinem verwinkelten Keller untergebracht zu sein, sondern in einem klug genutzten Raum mit genügend Infrastruktur und angenehmer Akustik.

Emils Name ist Jahrzehnte später noch ein Türöffner, vor allem bei deutschen Kabarettisten, wie die ehemalige Co-Leiterin Barbara Anderhub (2004–2014 mit Pia Fassbind) bestätigt. In gewisser Weise hatte das Haus in seinen Anfängen eine ähnliche Ausstrahlung wie das 2002 eröffnete Casinotheater Winterthur heute. Auch das profitiert vom Glanz der Namen seiner privaten Initianten Viktor Giacobbo, Mike Müller und Patrick Frey. Grosse Namen ziehen grosse Namen an. Von diesem Emil-Effekt profitiert auch das Kleintheater.

Gegenwärtig konzentriert sich das Haus auf Gastspiele, Co-Produktionen und Eigenproduktionen mit lokaler Beteiligung. Abgedeckt werden die Sparten Kabarett, Comedy, Musik, Kindertheater, freie Theater- und Tanzproduktionen sowie Literatur. Hinzu kommen offene Bühnen für den Nachwuchs. Der Mix aus Mainstream und Experiment hält sich die Waage. Das ist überlebensnotwendig. Aufs Publikum ist man angewiesen.

Weil das Kleintheater seine 160 bis 180 Vorstellungen jährlich mit nur einem Drittel staatlicher Subventionen bestreitet, die restlichen zwei Drittel aber über private Spenden und Ticketeinnahmen reinholt, bleibt nicht viel Raum fürs Experiment. Die Leiter mussten sich zu allen Zeiten die «Wie viel Zähne zeigen wir?»-Frage stellen. Die aktuelle Doppelspitze Sonja Eisl und Judith Rohrbach zeigt viel Biss bei den Theaterproduktionen. Die Jubiläumssaison beginnt man am 13. September gewagt mit einer als Musical getarnten SVP-Parodie.

Die ehemalige Co-Leiterin Marianne von Allmen (1976–1996 mit Heidi Vokinger) zeigte ihre Zähne den staatlichen Stellen einmal ganz konkret. Als die Billettsteuer die staatlichen Subventionen überstiegen, verzichtete sie in einem Akt des bürgerlichen Ungehorsams auf das Begleichen der Rechnungen.

Sparmassnahmen beeinflussen Spielplan

Solch heftige Massnahmen sind heute zwar nicht mehr nötig. Angespannt bleibt die finanzielle Lage dennoch. Weil das Gebäude im Privatbesitz ist, profitiert das Kleintheater nicht wie das in Bestuhlung und beim Finanzierungsmodell vergleichbare, auf Musiktheater spezialisierte Zürcher Theater Rigiblick von einem Mieterlass durch die Stadt. Allein dadurch ständen dem Haus jährlich zusätzliche 70 000 Franken zur Verfügung.

Der Einbruch der kantonalen Kulturförderung infolge Sparmassnahmen wirkt sich indirekt auch auf den Spielplan aus. Die aktuellen Leiterinnen mussten eine Produktion der Luzerner Gruppe Zell:stoff aus dem Programm nehmen. Und auch der 1000 Zuschauer fassende Luzerner Saal des KKL bleibt eine Herausforderung. Er nimmt dem Haus den einen oder anderen gross gewordenen Kleinkünstler weg. Einmal dort gespielt, erübrigt das fünf Abende im Kleintheater. So machen das Dieter Nuhr oder Massimo Rocchi. Doch es gibt genauso viele Künstler, die dem Haus treu die Stange halten. Trotz dieser Erschwernisse: Im Grossen läuft es gut. Die aktuelle Auslastung liegt bei ungewöhnlich hohen 71 Prozent. Und die Kleinkunst hat mit dem Zuwachs aus der Slam-Poetry-Szene kein Nachwuchsproblem.

Hazel Brugger als Glücksfall

Und so gelang Sonja Eisl und Caroline Haas – Haas wurde inzwischen durch Judith Rohrbach ersetzt – mit der Premiere von Hazel Bruggers erstem Kabarettprogramm im Jahr 2015 ein regelrechter Coup. Die rotzfreche Hazel Brugger, einst Slampoetin, heute umschwärmter Darling des deutschen Fernsehpublikums, hatte Luzern für ihre ersten kabarettistischen Gehversuche bewusst als Premierenort ausgewählt. Denn hier verursacht ein holpriger Einstieg in eine lange Tournee weniger lautes mediales Nebengeräusch als etwa in Zürich.

Dieses Jahr erhielt Brugger den Deutschen Kleinkunstpreis und den Salzburger Stier. Zwanzig Jahre zuvor war diese höchste Kleinkunstauszeichnung erstmals ausserhalb von Salzburg verliehen worden, unter anderen an Wolfram Berger. Wo das stattgefunden hat? Sie ahnen es – im Kleintheater Luzern.

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