Kultur
13.09.2017 08:12

Kleintheater: Als Astrid Lindgren plötzlich Deutsch konnte

  • Zwei Schweizer Stars im Kleintheater: Ruedi Walter (links) und Inigo Gallo.
    Zwei Schweizer Stars im Kleintheater: Ruedi Walter (links) und Inigo Gallo. | Hans Blättler/Stadtarchiv Luzern
  • Seit 1967 ein gewohnter Anblick: begeistertes Publikum im Kleintheater. Der Saal selber hat sich seither baulich kaum gross verändert.
    Seit 1967 ein gewohnter Anblick: begeistertes Publikum im Kleintheater. Der Saal selber hat sich seither baulich kaum gross verändert. | Stephan Wicki/Stadtarchiv Luzern
  • So wurden Gert Fröbe, Kaspar Fischer oder Alfred Rasser angekündigt.
    So wurden Gert Fröbe, Kaspar Fischer oder Alfred Rasser angekündigt. | Stadtarchiv Luzern
ANEKDOTEN ⋅ In der 50-jährigen Geschichte des Kleintheaters ist manches passiert. Menschen, die während Jahrzehnten dort tätig waren, berichten uns davon. Etwa von einer «heimlifeissen» Astrid Lindgren. Oder von einem Lokführer, der eine ganze Vorstellung rettete.

Arno Renggli

arno.renggli@luzernerzeitung.ch

Marianne von Allmen war Sekundar­lehrerin in Malters, als Emil Steinberger sie anfragte, ob sie seine Nachfolge als Leiter des Kleintheaters antreten möchte. Steinberger kannte sie, weil sie regelmässig mit Schulklassen das Theater ­besuchte und sich auch sonst für dieses engagierte. Von Allmen sagte zu und führte das Kleintheater von 1976 bis 1996, wobei sie bald einmal Heidi Vokinger als Co-Leiterin mit an Bord holte.

«Das Motto damals hiess für mich: Learning by Doing. Zum Glück brachte Heidi als frühere Leiterin des Chäslagers Stans viel Erfahrung mit.» Auch Dimitris Frau Gunda habe ihr immer wieder Managementtipps gegeben. «Aber letztlich musste ich meinen eigenen Weg finden. Ich denke, eine unserer Stärken war, dass wir uns gut und sehr persönlich um die Künstler kümmerten. Damit machten wir die eher bescheidenen Gagen oder die kleine Garderobe wett.» Untergebracht wurden die Künstler so günstig wie möglich, ab und zu gar privat. Heidi Vokinger hatte mal einen Musiker zu Gast. Ihr Ehemann, der davon nichts wusste, fiel fast in Ohnmacht, als der fremde Mann nachts plötzlich vor ihm stand.

Die letzte Frage an Astrid Lindgren

Sehr gerne erinnert sich Marianne von Allmen an die Acts grosser Künstler. Mummenschanz etwa spielten schon im Kleintheater, als sie noch gar nicht so hiessen und knapp 30 Zuschauer hatten. Dafür kamen sie später wieder, inzwischen weltberühmt. Wenn es sein musste, auch für Benefizauftritte, als es darum ging, das Kleintheater aus einer finanziellen Klemme zu retten. Ein Schlüsselerlebnis sei auch das Konzert des OM-Quartetts mit den heute längst legendären Musikern Urs Leimgruber, Christy Doran, Bobby Burri und Fredy Studer gewesen. «Ab da haben wir vermehrt auch zeitgenössische Musik programmiert.»

Ihre persönliche Vorliebe aber seien Lesungen gewesen. Und darum sei ihre allerschönste Erinnerung der Auftritt von Astrid Lindgren um 1990 herum. «Ich kriege heute noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Sie war ja damals schon über 80, und ich habe sie in meinem Döschwo herumkutschiert. Am Abend las Lindgren auf Schwedisch, jemand von der schwedischen Botschaft übersetzte. Am Ende gab es eine Fragerunde. Irgendwann dachte ich, abklemmen zu müssen, um sie zu schonen. Da streckte hinten im Saal ein Schüler, und Lindgren sagte in bestem Deutsch: ‹Diesen Knaben möchte ich noch hören.› Worauf jener folgendes Statement abgab: ‹Was Goethe und Schiller für unsere ­Eltern waren, ist Astrid Lindgren für uns.› Dies hat sie sehr beeindruckt. Aber es war ziemlich ‹heimlifeiss› von ihr, dass sie uns ihre Deutschkenntnisse verschwieg.»

Als die Kinder aufhörten, René Quellet zuzuhören

Ebenfalls 20 Jahre lang, von 1985 bis 2005, arbeitete Werni Meyer im Kleintheater, als Ton- und Lichttechniker ­sowie Mädchen für alles. Auch er hat schöne Erinnerungen an diese Zeit und an die Künstler. «Mit Gerhard Polt etwa war es immer extrem lustig. Gleichzeitig ist er ein sehr intelligenter Mann. Viele wissen gar nicht, dass er eine Professur für nordische Sprachen hat.»

Es habe auch Künstler gegeben, die das Personal herablassend behandelt hätten. «Namen will ich hier keine nennen. Aber wenn mir ein 30-Jähriger sagt: ‹Junge, geh mir mal ein Bier holen›, dann kriegt er eben eine entsprechende Antwort.» Aber die allermeisten seien auch neben der Bühne tolle Persönlichkeiten gewesen. Dabei gab es auch berührende Momente: «Etwa wenn wir mitbekamen, dass Dimitri seine Trapeznummer nur unter Schmerzen machen konnte. Oder als René Quellet, ein wunderbarer Mensch, feststellte, dass er die Kinder im Publikum nicht mehr erreichte. ‹Sie hören mir nicht mehr zu. Ich muss auf­hören›, sagte er und weinte beinahe.»

In Erinnerung geblieben sind ihm auch Situationen, in denen eine Vorstellung hochgefährdet war: «Da gab es zum Beispiel das Duo Sonnenschein, die kamen aus Dresden, mit dem Trabi samt Anhänger. Sie waren so langsam, dass sie es nicht rechtzeitig schafften.» Ebenfalls knapp wurde es, als eine Formation, die am Abend zuvor in Basel aufgetreten war, dort ihr Lichtregieskript vergessen hatte. «Ich rief dann in Basel an und sagte, man solle mit dem Taxi zum Bahnhof fahren, den nächsten Zug nach Luzern suchen und dem Lokführer persönlich das Skript in die Hand drücken. Ich wartete am Bahnhof Luzern auf den Zug, nahm das Skript entgegen und eilte zum Theater zurück. Es hat haarscharf für ­einen pünktlichen Beginn gereicht.»

Oropax büxten auf Dreirädern aus

Maggie Barmettler arbeitete jahrzehntelang an der Kasse. Rückblickend kommt ihr das deutsche Comedy-Duo Oropax in den Sinn. «Das sind schon legendäre Chaoten. Oft gingen sie noch vor der Vorstellung im dicht gedrängten Foyer herum, um sich die Besucher aus der Nähe anzuschauen. Einmal waren dort zwei Dreiräder parkiert, weil eine Zuschauerin ihre Kinder dabei hatte. Die Komiker ­bestiegen die Dreiräder, fuhren zur Tür hinaus und kletterten direkt in den Bus, der gerade vor dem Theater gehalten hatte. Es war 15 Minuten vor Vorstellungs­beginn. Die beiden fuhren mit dem Bus bis zum Werkhof und mit den Dreirädern retour. Sie begannen pünktlich.»

Beim Kabarett-Doyen Hanns-Dieter Hüsch nahm Barmettler einmal ihren ganzen Mut zusammen: «Der torpedierte das Publikum in einem Wahnsinnstempo mit anspruchsvollsten Gedanken, sodass keiner mitkam. Als die Leute mir das in der Pause sagten, stieg ich hinauf zur Garderobe, klopfte, trat ein und sagte: ‹Herr Hüsch, würden Sie etwas langsamer sprechen, wir Schweizer können nicht so schnell denken.› Hüsch schaute mich an und bellte: ‹Quatsch!› Und machte dann im gleichen Tempo weiter.»

Einer ihrer Lieblinge sei immer Franz Hohler gewesen, der dem Kleintheater von Anfang an treu war. Unvergesslich sei für sie, wie Hohler einmal jedem Mitarbeiter des Kleintheaters ein Buch von ihm samt Widmung und eingestecktem Zehnernötli geschenkt habe. Aber es war immer auch ein Geben und Nehmen: «Wenn Gardi Hutter mit ihrem kleinen Kind da war, habe ich während der Vorstellung eben auf dieses aufgepasst.»

Künstler werden geduzt, aber nicht Ruedi Walter

Auch die Luzernerin Ursula Sigrist (71) war über 25 Jahre an der Kasse und für die Buchhaltung des Kleintheaters tätig. Sie erinnert sich, wie sie Franz Hohler bei der ersten Begegnung gesiezt habe. «Da kam Leiterin Marianne von Allmen zu mir und sagte, dass man sich hier in Künstlerkreisen duze. Als dann also Ruedi Walter für ein Gastspiel eintrudelte und an der Kasse vorbei lief, rief ich: ‹Tschau Ruedi!›. Der drehte sich um und fragte in seinem markanten Basler Dialekt leicht pikiert: ‹Kenned mer üs?› Da merkte ich, das mit dem Duzen gilt doch nicht für ganz alle.»

Ursula Sigrist erlebte auch, dass ein Pariser Künstler, der hätte auftreten sollen, einfach nicht auftauchte. «Als man ihn anrief, meinte er, er sei daheim und komme morgen. Er hatte das Datum verwechselt. Ich musste auf die Bühne und dem Publikum mitteilen, dass die Vorstellung ausfällt. Da erhob sich im Saal Linard Bardill und meinte: ‹Wenn ihr Lust habt, spiele ich.› Es wurde ein toller Abend.»

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