Kultur
12.07.2017 21:17

Tatort Luzern: Filmdreh mit 800 Statisten im KKL

  • Kameramann Filip Zumbrunn mit den Schauspielern Delia Mayer und Stefan Gubser im FCL-Shirt.
    Kameramann Filip Zumbrunn mit den Schauspielern Delia Mayer und Stefan Gubser im FCL-Shirt. | Daniel Winkler/SRF
  • Der Hauptdarsteller des Abends: Kameramann Filip Zumbrunn hatte alle Hände voll zu tun. Rechts: Schauspieler Andri Schenardi.
    Der Hauptdarsteller des Abends: Kameramann Filip Zumbrunn hatte alle Hände voll zu tun. Rechts: Schauspieler Andri Schenardi. | Bilder: Pius Amrein (Luzern, 11. Juli 2017)
  • Regisseur Dani Levy mit Stefan Gubser und SRF-Moderatorin Monika Schärer.
    Regisseur Dani Levy mit Stefan Gubser und SRF-Moderatorin Monika Schärer. | Bild: Pius Amrein (Luzern, 11. Juli 2017)
  • Abendgarderobe war am Dienstagabend Pflicht.
    Abendgarderobe war am Dienstagabend Pflicht. | Bild: Pius Amrein (Luzern, 11. Juli 2017)
LUZERN ⋅ Im KKL wird noch bis zum Sonntag der 14. Luzerner «Tatort» gefilmt. Als Statist muss man Opfer bringen. Aber es lohnt sich. Ein Augenzeugenbericht.

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Als mir beim letzten Münchner «Tatort» mein Alter Ego in der Figur einer Psychologin namens Dr. Julia Stephan begegnete, wertete ich dies als Zeichen. Ich habe meine Kleindarstellerseele an die Zürcher Produktionsfirma Hugofilm verkauft und mich als Statistin für den Luzerner «Tatort – Alte Männer sterben nicht» beworben. Als solche besuchte ich am Dienstagabend im KKL mit 800 Menschen in streng etikettierter Abendgarderobe ein Benefizkonzert.

Der Anlass ist eine Kopfgeburt des Schweizer Regisseurs Dani Levy, der mit seinem «Tatort – Schmutziger Donnerstag» vor einigen Jahren das Fasnachtstreiben Luzerns zur Filmkulisse gemacht hat. Levy folgt mit seinem Konzept dem experimentellen deutschen Kinofilm «Victoria». Der begleitet eine Gruppe feiernder Menschen durchs nächtliche Berlin. Wobei wir uns dort eher auf der Täterseite aufhalten als auf Seiten der Staatsgewalt.

Erstmals in der Geschichte des «Tatorts» will Levy die 90 heiligen Minuten nicht häppchenweise in 21 Tagen, sondern in einer einzigen Einstellung abdrehen. Die Hauptrollen: Kameramann Filip Zumbrunn mit seiner Handkamera und der Kollege Zufall. Damit Letzterer nicht zu viel ins Drehbuch funkt, hat man am Dienstagabend Sicherheitsmassnahmen getroffen. In die Nähe des KKL gelangte nur, wer eine Einladung der Produktionsfirma dabeihatte.

4 Drehtage, 44 Szenen

Vier Wochen hat die Crew um die Hauptdarsteller Stefan Gubser und Delia Mayer geprobt. Ohne Publikum. Diese Woche wird aus dieser riesigen Theaterprobe aus 44 Szenen rund ums KKL filmischer Ernst. Geplant sind vier Durchläufe. Zwei auf Schweizerdeutsch, zwei auf Hochdeutsch. «Damit der arme ‹Tatort› nicht synchronisiert werden muss», wie Levy beim ersten Durchlauf augenzwinkernd verrät. Schweizer und deutsches Fernsehpublikum sehen Anfang 2018 also verschiedene Versionen. Wer an allen vier Proben teilnimmt und je fünf Stunden durchhält, kann sicher sein, dass es bis ins öffentlich-rechtliche Fernsehen reicht.

Realität und Fiktion sind auf dem Filmset kaum zu unterscheiden. Weil nur mit einer Handkamera gefilmt wird, stehen nirgendwo verdächtige Apparaturen herum. Die Kameras im Konzertsaal sind Fake. Einzige Indizien: Im KKL-Foyer verteilt ein Lebensmitteldiscounter an die Herren und Damen in Schale Äpfel und Cracker. Und die Apfelschorle gibt es im Sektglas. Ich mache Selfies mit einem Herrn in schlecht sitzendem Anzug und treffe auf verschiedene Schicksale. Die routinierte Statistin Nina ist mit ihrem Kleiderkoffer aus dem aargauischen Muri angereist und war schon bei mehreren SRF-Produktionen dabei. Dort wurde sie von der Filmcrew jeweils eingekleidet und geschminkt. «Als ich beim Bahnhof die vielen Menschen in Abendgarderobe sah, bin ich vor Schreck in der Bahnhofstoilette verschwunden und habe die Kleider gewechselt», erzählt sie.

Mit Marlene, einer ehemaligen Schauspielerin, mache ich ein Fotoshooting am See. Aufgrund einer Hüftverletzung kann sie nicht mehr in gespielter Ohnmacht auf die Bühne sinken. Das hat sie einst die Hauptrolle in Kleists «Käthchen von Heilbronn» gekostet. Über das Statistentum will sie wieder zurückfinden in ihren Beruf.

Sorgen gemacht über die Garderobe hat sich nicht nur Nina. Kurz vor Drehstart hat sich auch Dani Levy am Luzerner Bahnhof noch einen Anzug gekauft. Sollte der Regisseur während der Non-Stop-Kamerafahrt versehentlich in den Fokus der Kameralinse geraten, wäre er unverdächtig. Vor uns Statisten wird er später erklären: «In einen Lagerraum des KKL haben wir sogar einen Dschungel eingebaut. Dort geht es ins Argentinien der 1970er-Jahre.» Die Rückblende war notwendig, damit Kommissar Reto Flückiger und seine Kollegin Liz Ritschard die Geschichte über jüdische Schicksale während der Nazizeit schlüssig aufklären können.

Kein «Tatort» über den «Tatort»

Vor dem KKL erhalten die Statisten verschiedenfarbige Eintrittskarten. Die Organisation ist märchenhaft. «Die Grünen zum Brunnen, die Blauen ins Foyer, die Weissen in den Konzertsaal», verkündet die Produktionsleitung. Die Logik in der Sitzordnung im Konzertsaal entspricht nicht der Logik, nach der man sich seine Begleitung ausgesucht hat. Paare werden je nach Farbe ihrer Garderobe getrennt. Nein, das wird kein französisches Autorenkino und schon gar kein selbstreflexiver «Tatort» wie der mit Ulrich Tukur, der den «Tatort»-Dreh einst zur Story machte. Weshalb dem Publikum verboten wird, während des Drehs wissend in die Kamera zu linsen, als wolle man sagen: «Seht, wir wissen, was da mit uns passiert.»

Klatschen ja, aber nicht zu lang

«Schaut zum Orchester», ermahnt man uns stattdessen. Um 21.15 Uhr fällt die Klappe. Vor dem KKL geht eine Demo los. Wir üben Standing Ovations. Man erinnert uns daran, dass wir auf einem Stuhl sitzen, der uns 10000 Franken gekostet hat. Das hilft. Ich klatsche massvoll, als das Orchester Jakobsplatz München in Kammerbesetzung Musik jüdischer Komponisten spielt, die im KZ ihr Leben liessen. Man hat uns darum gebeten. Sonst wird der «Tatort» zu lang.

Am Dirigentenpult steht Gottfried Breitfuss, Ensemblemitglied des Schauspielhauses Zürich. Ist die Handkamera gerade nicht im Raum, dirigiert uns Breitfuss spontan mit Worten. «Das ist wahre Zeitgenossenschaft, meine Damen und Herren», ruft er begeistert, während ihm die grauen Haare wirr zu Berge stehen. Er spielt an aufs Drehbuch, in dem sich Zeitzeugen der Nazi-Ära zu Wort melden, und auf die Verfolgungsjagd, die sich gerade ohne uns am Bahnhof Luzern abspielt und die mehr mit uns da drinnen zu tun habe, als wir meinten.

Die ging bei der Hauptprobe übrigens tüchtig daneben. Passanten hatten den von Kommissar Flückiger Verfolgten mutig überwältigt. Im normalen Leben nennt man das Zivilcourage. Aus der Perspektive des Films eine Panne. Und aus der Distanz betrachtet gäbe es wahrscheinlich nur ein Wort dafür: Realsatire.

Hinweis

Für die Drehtage Do, 13.7., Sa, 15.7. und So, 16.7., sucht das SRF Statisten. Start um 18.30 Uhr beim KKL Luzern. Anmeldung über tatort.hugofilm.ch

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