POLITIK

Im Stechschritt durch den Pflotsch

Hiesige Politiker kommen an der Fasnacht grösstenteils ungeschoren davon. Im Gegensatz etwa zu Donald Trump. Doch es gibt sie, die politischen Sujets – oft versteckt in scheinbar unauffälligen Kostümen.
13.02.2018 | 05:00

Pirmin Bossart

stadt@luzernerzeitung.ch

Am Montagvormittag ziehen wir los, um es herauszufinden: Wie politisch ist die Luzerner Fasnacht? Hä? Politisch? Schneeflocken tanzen über dem Reussteg, zwei Stunden später waten wir durch Pflotsch, nach dem Mittag scheint die Sonne. Güdismäntig, wie er leibt und bebt – aber weit und breit ist kein politisches Aufmüpferli in Sicht. Weder giftige Slogans, noch zynische Sprüche, noch sonst ein Tritt in den Wohlstands-Hintern. Nicht einmal ein Trump-Grend ist auszumachen.

An Amerika kommt die Fasnacht trotzdem nicht vorbei. Röck’n’röll röllt aus einer Karösse, vor der eine Gruppe Plastik-Röckers mit aufblasbarer Gitarre posiert. Ein Glatzkopf wandelt über den Kapellplatz, «I’m fat» prangt auf seinem Ranzen, mit dem M von Mc Donalds, dem gesunden Ernährer. «Bye Bye Fettpolster» lesen wir ein wenig später auf dem Plakat, mit dem die «Lucerne Clinic» ihre Spezialität anpreist. Aber das gehört nicht zur Fasnacht. Das ist die Luke Alltag, die einem ständig entgegenblinzelt – und letztlich politisch viel aufgeladener scheint, als der bunte Zirkus.

Der Cowboy stirbt aus

Und die Cowboys? Sie scheinen im Ausstreben begriffen. Es gibt noch ein paar heimlifeisse Buben, die sich im Unterholz der fasnächtlichen Masse fast unbemerkt mit Frauenfürzen und andern Knallern bemerkbar machen. Vielleicht gedeihen sie dereinst zu Sprengmeistern, die auch vor der Schweiz nicht haltmachen. Bereits unterwegs sind die No-Billag-Killer des Staatsfernsehens. «5. März, Sendeschluss», steht auf den wandelnden TV-Screens unten an der Reuss. 100 Meter weiter vorne hat sich SRF mit den Übertragungswagen eingerichtet. Noch sind es keine Attrappen.

Statt Cowboyhüten oder rauchenden Colts sehen wir vermehrt US-Army-Embleme und Security-Logos, die an Kitteln und Kleidern kleben. Auch die mobile Videoüberwachung ist vor Ort. Bei der Würstlibude steht einer in Uniform, Mitglied der U.S. Army Special Forces. Cool lässt er sich mit getönter Sonnenbrille fotografieren. Nein, er sei weder Amerika- noch Trump-Fan, sagt er lächelnd. «Ich mag auch Russland nicht, nicht Nordkorea, nicht Erdogan.» Warum dann diese martialische Uniform? «Es war einfach praktisch.» Inhalte egal, Outfit ist alles. Politik von heute.

In der Schneematsch-Sosse schreiten die Familien in ihren Rokoko-Gewändern. Die älteren, mit Rockerfrisuren aufgepeppten Damen. Die noch älteren, mit Bauern-Tracht und Melkstuhl-Chic bewaffneten Damen. Die uralten Monster aus dem Drachen-Pilatusgebirge. Die herzigen Entlein einer fleissigen Elternschaft. Der Schwarm Bienen auf Befruchtungsmission. Einsame Gestalten mit seltsamen Gesichtern, die vielleicht einmal Masken waren. Gymnasiasten in Plüschtier-Gewändern. Nichts von Aufruhr, 50 Jahre nach 1968.

Aber dann entdecken wir sie doch noch, die Kritik am Staat: Es sind zwei Gestalten, die halb fertige Kostüme mit der Aufschrift «Sparmassnahmen Kanton Luzern: Es reicht nur für die Hälfte» tragen. Vergnügt wippen sie im Takt der Rattenschwänze, die vor dem Des Balances aufspielen. Auf jedem Platz in der Altstadt konzertieren die Guggenmusigen von nah und fern. Und alle haben sie gestrenge Dirigenten, die den Sound-Karren ziehen und einen orchestralen Fasnachts-Jazz aus den gefürchigen Grinden hervorzaubern.

Schämen für die unkreative Regierung

Eine Gruppe von Frauen ist ganz in Rot unterwegs, mit roten Kleidern und roten Accessoires, zu denen auch der Röteli-Likör gehört, den sie sich gelegentlich genehmigen, um in Schuss zu bleiben. Scho rot, döre bi rot, schamrot sind ihre Slogans, und ja, schämen täten sie sich, was sich der Kanton mit seinen Sparmassnahmen leiste, tun sie kund. «Wir schämen uns für diese Männer-Regierung, die so stur und unkreativ ist.» Das ist die Politik per se: Immer etwas stur und ganz und gar unkreativ. Wenigstens schämt sich noch jemand dafür.

Je weiter sich der Tag hinzieht und die Sonne die Szenerien wärmt, desto deutlicher wird, dass sich dieses Jahr viele Klimaflüchtlinge an der Luzerner Fasnacht eingefunden haben. Dunkelhäutige Prinzessinnen, Schamanen aus dem Dschungel und Südsee-Aloha-Fürsten haben sich unter das Fasnachtsvolk hiesiger Lokalmatadoren gemischt. Wir sichten auch jede Menge an exotischen Tieren, darunter eine Gruppe von Eisbären aus dem hohen Norden, die uns sicher wieder den einen oder ander Schwan wegfressen wird.

Der Schützenpanzer vor dem Theater

Die Zeiten sind düster, das künden uns die schwarzen Gestalten, die mit verzerrten Fratzen oder mit Totenkopf-Zeptern durch die Gassen marschieren. Auch der Trupp von Bismarck-Soldaten mit ihren Spitzhelmen, die im Stechschritt zu Marschmusik durch den Pflotsch spritzen, hinterlässt nicht gerade ein heimeliges Gefühl. Der Congressus Ebrius aus Udligenswil ist mit einem Schützenpanzer bis in den Bereich Luzerner Theater vorgefahren. Die in Desert-Storm-Vollmontur aufgepeppten Krieger verkünden die Schnaps-Apokalypse. «Der letzte Tropfen Alkohol droht auszugehen!» Es wäre das endgültige Ende. Zumindest der Fasnacht.

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